Kapitel 2: Forschen realisieren – Studierzeit: ca. 10 Minuten

Zwei Arbeitsfelder, die wir nicht gleichsetzen sollten.

Wie kann man mit dem Konflikt umgehen, dass Forschung stets ergebnisoffen stattfinden muss, die Praxis der Auftraggeber oder des Marktes aber Praxislösungen als Ziele erwartet?

Hier finden Sie ein denkbares Modell, das die Möglichkeit eröffnet, tatsächlich beiden Seiten gerecht zu werden.

Dauer: 4:33

Transkript des Videos

Wer Wissenschaft betreibt, sucht eine neue Erkenntnis, die ihm bislang fehlt. Somit ist Wissenschaft eine zielorientierte, aber ergebnisoffene Aktivität. Man kann nicht vorhersehen, ob das inhaltlich erwartete oder erwünschte Ergebnis tatsächlich erreicht wird.

In hochschulischen Arbeiten wird indes oftmals ein Praxisziel angestrebt, nicht ein Untersuchungsziel. So soll etwa ein Businessplan erstellt oder eine Kampagne entworfen und gestaltet oder gar eine Konzeption erarbeitet werden.

Aber damit wäre nicht eine neue Erkenntnis, sondern eine Art Produkt – etwa eine Handlungsanleitung oder eine Maßnahme – als Ziel definiert.

Insofern sei hier der mancherorts vorzufindenden Praxis widersprochen, eine wissenschaftliche Arbeit müsse zwar nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien erstellt werden, brauche selbst aber keinen substantiellen Beitrag zur Forschung zu leisten.

Wissenschaft muss immer ergebnisoffen agieren. Das ist bei vorab definierten Praxiszielen gar nicht möglich, bei denen am Ende ein Konzept oder gar ein funktionierendes Produkt geleistet sein muss, zudem oft gemäß externer Vorgabe.

Ein praktikabler Weg

Den wissenschaftlichen Charakter kann man aber sicherstellen, wenn man sich nicht die eigentliche Konzeption oder Gestaltung o. ä. als Ziel setzt. Stattdessen wird man die wissenschaftliche Prüfung der für eine solche Konzeption oder Gestaltung gewünschten oder denkbaren Mittel und Rezepturen als Untersuchungsziel festlegen.

 

Zielsetzungen

Grafik: Zielsetzungen von Wissenschaft und Praxis (Quelle: eigene Darstellung)

Dies belässt dem Forschenden die Freiheit der Wissenschaft: Er kann dann ggf. auch zu dem Ergebnis kommen, dass einige der von den Praktikern vielleicht bevorzugten Mittel und Rezepturen als für den konkreten Anwendungsfall wenig hilfreich zu beurteilen sind.

Eine wissenschaftliche Arbeit wird also nicht immer ein in den Augen der Praktiker »positives« Ergebnis liefern – nämlich das, was sie sich erhofft hatten.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist jedes methodisch und qua Vorgehensweise »sauber« zustandegekommene wissenschaftliche Ergebnis stets ein positives Ergebnis, da ein fundierter Erkenntnisgewinn. Und dieses Ergebnis wird auf jeden Fall nützlich sein für die Praktiker; es kann womöglich Schaden für die Praktiker abwenden oder vermeiden helfen.

Insofern wird eine wissenschaftliche Arbeit – sozusagen im Vorfeld – zwar einen wertvollen Beitrag für ein Praxisziel leisten, sie kann jenes Praxisziel nicht aber selbst realisieren.

Dass das Untersuchungsergebnis für nachgeordnete Praxisziele nutzbar gemacht werden kann, ist dabei nicht ausgeschlossen – die formulierte Zielsetzung einer wissenschaftlichen Arbeit gibt aber eben nicht das resultierende Praxisergebnis als Ziel an, sondern das resultierende Untersuchungsergebnis der Arbeit.

Diese Argumentation erfreut nicht jene, in deren Studiengebieten stets das praktische Ergebnis einer Problemlösung als primär angesehen wird. Doch wäre es nicht vorstellbar, die eigene Wirklichkeitsvorstellung einmal auf das hier vorgetragene, primär wissenschaftlich orientierte Vorgehen umzustellen – und das praktische Ergebnis eher als Addendum, als Anhang oder als mögliches Beispiel einer Umsetzung der wissenschaftlichen Prüfungsergebnisse zu behandeln?

Damit könnten auch all die berufsbegleitend Studierenden vielleicht gut leben, die für ihren Arbeitgeber etwas untersuchen wollen und der eine Praxislösung von ihnen erwartet. Denn wenn die wissenschaftliche Erarbeitung der Chancen und Risiken im Vordergrund steht und wenn somit noch Optionen offen bleiben, wie für die Praxisanwendung nun weiter vorgegangen werden könnte, dann hätte der Arbeitgeber selbst mehr Entscheidungs- und Handlungsspielraum als wenn er ein akribisch fertiggestelltes Konzept oder Produkt oder Umsetzungsmodell gutheißen muss.

Die meisten Arbeitgeber lieben es bekanntlich, selbst auszusuchen und Entscheidungen zu Umsetzungen zu treffen, anstatt fertige Handlungsprozesse zu übernehmen.

 

 

Gedanken dazu.

 

Vielleicht kennen Sie den Begriff „F&E“. Diese Abkürzung meint: Forschung & Entwicklung.

Das Gute daran ist, dass Forschung und Entwicklung (also die beruflichen Praxisanforderungen) mit dem kaufmänischen Und „&“ verbunden sind, aber in einer gewissen Reihenfolge.

Erst Forschen, dann praktisch Entwickeln. Genau das habe ich Ihnen hier voranstehend skizziert.

Die in der Videolektion vorgetragene Offenheit des erforschten Ergebnisses – verstanden als ein Angebot für eine denkbare und umsetzbare Praxislösung – dürfte aus meiner langjährigen Erfahrung heraus nicht eine Notlösung aufgrund der notwendigen Trennung der beiden Bereiche sein, sondern vielmehr der Königsweg:

Erforschen Sie Lösungswege für ein praktisches Ziel, aber verengen Sie Ihre Befunde nicht auf nur einen einzigen möglichen Lösungsweg! Der zweite Baustein von F&E braucht eigene Handlungs- und Entscheidungsspielräume.

Wir realisieren das tatsächlich am besten, wenn wir unsere durch Forschung generierte Praxis-Vorprüfung in einer Palette von Möglichkeiten ankommen lassen, von denen wir die einen als besser geeignet unter diesen Umständen und die anderen als besser geeignet unter jenen Umständen anbieten können.